Umfahren von Hindernissen
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Hinderniss ausweichen
Problem
Wir betrachten einen gar nicht so hypothetischen Fall eines plötzlich auftauchenden Hindernisses direkt vor dem Bug. In beiden Fällen wollen wir mal den maximal möglichen Steuerausschlag ansetzen. Folgendes wird dann passieren:
Beim Bugsteuer bewegt sich das Boot direkt vom Hinderniss weg. Es kommt zu keiner Kollision. Beim Hecksteuer dreht das Boot erst quer zum Hindernis, beginnt erst dann seine Seitwärtsbewegung und stößt in unserem Beispiel mit dem Heck gegen das Hinderniss.
Dies ist einer der häufigsten Unfallvorgänge.
Klassisch sieht der Steuermann das Hinderniss vor seinen Ruderern nicht, wird dann plötzlich aufmerksam, zieht am Steuer, und das Boot kommt dem Hindernis immer noch näher. Also zieht er noch fester an der Leine. Das Boot dreht noch schneller quer, immer noch ohne nennenswert vom Hindernis weg zu kommen. Also zieht er noch fester ... boing.
Beispiel zum Ausprobieren
Fast jeder Mensch hat ein Fahrrad, oder kann sich eines mal eben für ein paar Sekunden leihen:
- Mit dem Rad normal in einem Meter Abstand vor eine Laterne stellen, und der Laterne ausweichen. Geht prima.
- Das Rad umdrehen, und mit dem Hinterrad voraus der Laterne von der selben Stelle aus ausweichen. Viel Spaß.
Dieses Experiment sollte jeder einfach mal ausprobieren.
Lösung
Es gibt mehrere Möglichkeiten, der Sache zu entkommen:
1. Wenn Platz ist: rechtzeitig aufhören oder Gegensteuern
Das Boot dreht sich auch beim Hecksteuern schon lange vor der Kollision, und käme am Hindernis vorbei. Dafür hilft es, wenn die Ruderer aktiv es vom Hindernis weg ziehen, z.B. durch kräftig rudern, oder noch besser... siehe Punkt 2.
Hierbei ist das Hauptproblem, dass der Steuermann rechtzeitig das Steuer loslassen muss, und nicht in wilder Panik immer fester dran zieht. Dafür muss er verstehen, was das Boot macht wenn er steuert. Darum dieser Steuerkurs.
Eine sehr elegante Lösung des Problemes kann auch sein, das Boot erst mit dem Hecksteuer etwas quer zu stellen, und dann - wenn der Bug am Hindernis vorbei kommen wird - mit dem selben Hecksteuer das Heck wieder von dem Hindernis weg zu bewegen. Man fährt dann quasi eine S-Kurve. Damit erspart man sich auch gleichzeitig das vollkommende abweichen vom vorherigen Kurs (siehe auch Megaelegant).
2. "Bug"steuern
Das Problem an der Sache ist das Hecksteuer, welches das Boot querstellt. Die Lösung ist einfach: Ein "Bugsteuer" nutzen. Dieses haben wir in Form des Ruderkommandos Überziehen oder "nur X-Bord": Wenn die Ruderer mit ihrer Kraft das Boot drehen, ist der Drehpunkt nicht mehr die Bugspitze, sondern liegt irgendwo in der Mitte des Bootes. Also kommt das Verhalten des Bootes dem eines Bugsteuers viel näher. Die Ruderer schieben das Boot auch aktiv vom Hindernis weg, wenn sie nur auf einer Seite Rudern
3. Notbremse
Wenn der Platz nicht mehr ausreicht, bleibt einem nur noch die Notbremsung: Rudern halt, Stoppen auf einer Seite. Damit verringert man auf jeden Fall die Heftigkeit des Zusammenstoßes. Ob man damit allerdings am Hindernis vorbei kommt, ist nicht sicher.
Vorsicht: Wenn man mit der Strömung auf ein Hindernis zu fährt, und dann stoppt, kann einen die Strömung immer noch auf das Hindernis drücken. Hier sollte man also nach dem Stoppen sofort das Boot (das ja nun in Fluchtrichtung liegt) vom Hindernis weg rudern!
4. Megaelegant: Kombination
a) erst vom Hindernis wegsteuern, und wenn das Boot anfängt zu drehen und man mit dem Bug dran vorbei kommt, zurück steuern. Damit bewegt man das Heck davon weg, und kann einer Kollision entgehen. Spannende Methode, sollte man mal ausprobieren.
b) Wenn man nur wenig zur Seite ausweichen muss, oder gar das vollkommene Ausweichen zur Seite ein anderes Problem aufwerfen würde (Schiff, Ufer, weiteres Hindernis), kann man die Ruderer vom Hindernis weg rudern lassen (nur X-Bord), und selber auf der Hindernis drauf steuern. Dann bewegen die Ruderer den Bug vom Hindernis weg, man selber mit dem Steuer das Heck zur Seite, und letztendlich bewegt sich das Boot parallel zur Fahrtrichtung zur Seite und man kommt ohne eine Änderung der Fahrtrichtung am Hindernis vorbei (der Versatz ist nicht riesig, aber wenn es um etwa einen Meter geht ganz OK...)
Hinderniss umfahren (Wende)
Manchmal will man ein Hindernis umfahren, z.B. einen Brückenpfeiler oder eine Boje, um danach zurück zu fahren (auf lustigen Regatten zum Beispiel). Wir tun mal so, als ob wir es so schnell und auf dem kürzesten Wege machen wollen... zur Gedankenübung.
Dabei gilt folgendes:
- Man kann im Gegensatz zum Rad oder Auto das Hinderniss sehr nah anfahren, also mit dem Bug des Bootes quasi auf Tuchfühlung an das Wendeobjekt heranfahren.
- Wenn man dann das Hindernis umfährt, muss man etwas früher anfangen zu steuern (Steuerverzögerung).
- Da das Heck bei der Aktion ausschwenkt, benötigt man genug Platz in der Außenkurve.
- am ökonomischsten ist es, wenn das Hindernis in der Mitte des Halbkreises ist, den das Boot fahren soll.
- A: Steuerverzögerung einplanen, soweit ausholen, dass man der Boot bis zum Hindernis schon um 90° gedreht hat. Dabei muss man gefühlt immer etwa auf Kollisionskurs mit dem Hindernis sein, da durch die Drift und das Hecksteuern das Boot immer weiter aus der Kurve getragen wird, als man den Eindruck hat. Also ruhig immer etwas auf der Hindernis drauf steuern.
- B: Das Hindernis genau nach der Hälfte des Halbkreises passieren, dabei sehen, dass man mit dem Bug so nahe wie es geht am Hindernis vorbei kommt.
- C: Früh genug die Leine wieder los lassen...
Slalom fahren
Eine gute Übung, um die Reaktionen von Booten beim Steuern um Hindernisse zu erlernen, ist ein Slalomkurs. Diesen erstellt man am besten aus selbst gebastelten Bojen, die so leicht sind, dass eine Kollision mit ihnen folgenlos bleibt. Es ist naheliegend, hierfür einfach PET-Einwegflaschen zu nehmen.
Bauanleitung für Übungsleiter
Am besten nutzt man noch Kunststoffwäscheleine mit Drahtkern. Diese gibt es in 20m-Packungen im Baumarkt, man benötgt etwa AnzahlDerBojenx20+40m Schnur. Alle 20m wird eine Flasche an einem kurzen Seilstück (50cm) befestigt und die eigentliche durchgehende Schnur mit einem Gewicht (ca 100g) beschwert.
An die Enden der durchgehenden Schnur kommen zwei Steine, die im Wasser auf den Grund abgesenkt werden. Hierfür sollte man 15m einplanen. Die Steine müssen so abgesenkt werden, dass die gesamte Konstruktion unter leichter Spannung steht. Am besten einen Stein versenken, den anderen mit einer 2. Leine versenken und solange über den Grund schleifen, bis er richtig liegt.
In strömenden Gewässern reicht ein Stein, es ist hier aber ratsam als erste Boje eine deutlich massivere Boje zu nutzen, wie z.B. eine Gepäcktonne von 40l Inhalt. Der Rest der Kette wird dann von der Strömung grade gezogen. Wenn die Kette noch zu sehr hin und herpendelt, kann man noch ein kleines Handtuch ü.Ä. an das Ende der Schnur hängen, um die Spannung des Seiles zu erhöhen.
5 bis 6 Bojen reichen eigentlich für die Übung aus.
Übung
Slalom fahren. Am besten im gesteuerten Gigzweier oder Skiff. Von der einen Seite in den Kurs hineinfahren, und um die Bojen herum. Dabei gilt:
- Es reicht mit dem Boot die Boje zu umfahren. Bei einem Abstand von 10m ist es schwer genug, wenn die Boje außerhalb des Auslegers hindurch schwimmt!
Wenn Strömung, Kapitel über Strömung lesen, dann:
- Erst unbedingt gegen die Strömung fahren lassen. Je nach Strömung (je stärker desto besser) auch mal versuchen mit den Blättern an den Bojen vorbei zu kommen.
- Abwärts fahren: Je nach Strömung unmöglich (bei 8km/h auf dem Rhein ist es für geübte möglich, für Anfänger nur dann, wenn sie die Theorie verstanden haben). Es reicht aber nun auf jeden Fall, wen die Boje unter dem Auslegern durch rutscht.
Theoretische Hilfen
Die Kunst bei Umfahren der Bojen ist es
- das Boot frühzeitig richtig auszurichten
- keine Panikreaktionen beim Steuern machen, die das Boot vom Kurs abbringen
- oder zu einer Bojenkollision führen
Der Weg um die Bojen drumherum zu kommen ist sehr einfach, wenn man das im folgenden beschriebene Prinzip anwendet:
Folgendes muss man tun:
- A: Das Boot muss beim passieren der ersten Boje so ausgerichtet sein, dass man ohne das Steuer zu bedienen an der ersten und an der zweiten Boje vorbeikommen wird, wie es geplant ist.
- B: Vor erreichen der zweiten Boje bringt man das Boot vorsichtig unter berücksichtigung von Verzögerung und Drift in eine Drehbewegung. Dabei reicht es, dass der Bug so grade an der Boje vorbei kommt, denn das Heck schwenkt ja aus und wir die Boje sicherlich nicht touchieren.
- C: Beim Erreichen der Boje sollte das Boot so ausgerichtet sein, dass man wiederum die kommende Boje ohne weiteren Steuereinsatz passieren würde.
- D: Wenn man die Boje passiert hat, beginnt man wieder wie bei B das Boot auf Kurs zu bringen, dass man beim passieren der kommenden Boje richtig liegt, um die übernächste...
Wie man sehen kann, ist der Trick an der Sache, nicht die kommende Boje im Blick zu haben, sondern eigentlich schon beim passieren der letzten Boje auf dem richtigen Kurs zu sein. Der Steuermann muss also quasi mit seinen Gedanken bei der übernächsten Boje sein. Das hört sich sehr schwer an, aber es ist eigentlich sehr einfach, wenn man einmal verstanden hat, wie das ganze funktioniert.
Wichtig: Es handelt sich um wirklich nur minimale Steuerausschläge, mit denen man Arbeiten muss. Das Boot fährt fast gradeaus bei der ganzen Sache. Je kleiner die Kurven sind, die man fährt, desto besser geht das ganze.
Interessant wird das ganze dadurch, dass man wie erwähnt die Hecksteuerung, die Verzögerung der Steuerwirkung, die Drift und eventuell auch noch die Strömung berücksichtigen muss.

