Mit dem Hecksteuer steuern
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Warum steuert sich ein Boot anders?
Wer sich Wasserfahrzeuge ansieht merkt, dass fast alle den Steuerplatz am Heck haben. Genauso haben alle Wasserfahrzeuge das Steuer hinten am Fahrzeug angebracht. Darum sitzt der Steuermann meist hinten, um das gesamte Fahrzeug im Blick zu haben.
Im Gegensatz dazu haben fast alle Landfahrzeuge mit Frontsteuer den Fahrer vorne sitzen.
Unterschiede
Folgende Unterschiede fallen auf:
- mit dem Auto/Fahrrad bleibt man (im Unfall-Fall) meist in den Innenkurven hängen. Bei einem Boot touchiert man die Außenkurve.
- ein Auto/Fahrrad bewegt sich beim Lenken direkt von einem Hindernis vor dem Fahrzeug weg. Ein Boot dreht sich erst quer, bevor es sich vom Hindernis entfernt.
- Ein Landfahrzeug auf Rädern folgt immer genau der vorgegebenen Linie. Ein Boot driftet beim Lenken auch einmal quer zur Fahrtrichtung.
- Auf dem Land sind die Hindernisse fest. Auf dem Wasser in der Strömung kann das Hindernis sich scheinbar bewegen, beziehungsweise überlagert die Strömung noch zusätzlich die Steuerbewegung des Bootes.
Dies sind alles Dinge, die scheinbar trivial sind, und in dem meisten Fällen auch nicht relevant, aber in Notfällen und schwierigen Situationen werden sie plötzlich relevant und können über problemloses Durchfahren und einem Bootstotalschaden entscheiden.
Frontsteuer versus Hecksteuer
Bei einem buggesteuerten Fahrzeug schwenkt der vordere Teil des Fahrzeuges in Kurvenrichtung aus und leitet damit unmittelbar die Kurve ein. Bei einem Boot ist es andersherum. Hier schwenkt der hintere Teil des Bootes gegen die Kurvenrichtung aus und leitet erst danach die eigentliche Kurvenfahrt ein.
In der Zeichnung kann man sehen, wie sich der vordere Teil eines gedachten buggesteuerten und nicht driftenden Bootes direkt am Anfang der Kurve nach rechts bewegt. Das Heck folgt dann auf dem kürzesten Wege, wobei der Bootskörper die Kurvenlinie schneidet. Beim Heckgesteuerten Boot ist die Kurvenlinie am Anfang weniger Eng. Die Kurve beginnt erst mit der Zeit den letzendlich gewünschten Radius zu erreichen. Auffallend ist, wie das Heck erst einmal nach links ausbricht, und damit die Kurvenfahrt einleitet. Dabei bewegt sich das Heck in die entgegengesetzte Richtung, wie man eigentlich steuern will.Das Boot schneidet die Innenkurve nicht, sondern bricht im genauen Gegenteil in die Außenkurve aus.
Tordurchfahrten
Ein Beispiel, wo man den anderen Kurs eine heckgesteuerten Bootes sehen kann, ist das Durchfahren zweier Tore:
Folgende Punkte fallen auf:
- Das buggesteuerte Boot kann relativ weit an dem Zieltor vorbei fahren, um "grade" durch dieses durch zu kommen. Das heckgesteuerte Boot muss direkt nach dem Starttor mit der Kurve beginnen, erreicht aber deutlich früher die "grade" Ausrichtung, um das Zieltor durchfahren zu können.
- Das buggesteuerte Boot zieht (wenn man die Linie durch die Bugspitzen betrachtet) das Heck in der Innenkurve nach. Ein dort stehender Blumenkübel verkratzt die Ausleger (oder klassisch die Beifahrertüre). Im heckgesteuerten Boot schwenkt das Boot in die Außenkurve und man reißt sich im klassischen Fall das Steuer an einem Basaltstein ab, da man beim Beginn der Kurve zu nah am Ufer war.
Drift
Mit dem Problem des Hecksteuerns nicht genug, es kommt noch ein weiterer Unterschied zur Straße hinzu: Das Boot driftet!
Das Wasser bietet dem Boot keine strenge Führung wie das zum Beispiel Reifen auf der Straße tun. Es ist eher wie um die Kurve rutschen. Das Steuer dreht das Boot, aber seine träge Masse rutscht weiter in die Richtung, in der das Boot vorher fuhr. Erst mit einer geringen Verzögerung beginnt das Boot dann, der neuen Kielline zu folgen:
Diese Drift kann man sehr schön sehen, wenn man auf glattem Wasser unterwegs ist: Das Steuer einmal voll auslenken, und man kann neben dem Boot auf der Wasseroberfläche sehen, wo das Boot drüber gedriftet ist. Das Wasser ist dort angeraut.
Wie macht sich das nun beim Ausweichen vor einem Hindernis bemerkbar? Das Boot benötigt noch etwas mehr Raum als erwartet, um von dem Hindernis weg zu kommen, da es aus der Kurve heraus driftet. Das addiert sich zu dem sowieso schon ungewohnten ausschwenken des Hecks bei einer Hecksteuerung.
Das Driften des Bootes kann man durch Steuern mit Überziehen verhindern. Hierbei schiebt die Kraft der Ruderer das Boot aktiv in die neue Richtung, und es nimmt die neue Fahrtrichtung deutlich schneller an.
Drehimpuls
Das Boot ist wie gesagt träge. Und durch seine unverbundeheit zum Wasser kann es nicht nur gegen seine Kielrichtung weiter fahren, es kann auch einfach sich weigern, sich zu drehen. Wenn man also das Steuer auslenkt, dann dauert es eine Zeit lang, bis das Heck beginnt sich zu bewegen. Diese Verzögerung dauert im allgemeinen etwa 1-2 Sekunden. Man muss also beim Steuern eine gewisse Vorlaufzeit einplanen, bis das Boot dreht.
Ein ungeübter oder unerfahrener Steuermann kann nun das Gefühl haben, das Boot reagiert nicht, und zieht noch fester an der Leine, und übersteuert dadurch sehr schnell.
Genauso dreht das Heck des Bootes auch noch weiter, wenn man die Steuerleine losgelassen hat. Diese Verzögerung dauert wie auch beim Beginn der Steuerbewegung etwa 1-2 Sekunden. In dieser Zeit dreht das Boot weiter und ändert seine Fahrtrichtung, ohne dass der Steuermann etwas tut. Man muss also mit dem Steuern aufhören, bevor das Boot die gewünschte Fahrtrichtung erreicht hat.
- a: Steuer wird betätigt
- b: Boot fährt mit ausgelenktem Steuer noch graedaus
- c: Heck schwenkt aus, Boot fährt Kurve
- d: Steuerleine wird losgelassen, Steuer lenkt das Heck nicht weiter aus
- e: Boot dreht auch ohne Steuerwirkung weiter
- ... Boot fährt wieder gradeaus.
Oft zu beobachten ist die Schlangenlinienfahrt von Steueranfängern. Sie wollen eigentlich nur auf glattem Wasser grade aus fahren. Das Boot kommt vom Kurs ab, sie steuern, es tut sich nichts, sie ziehen noch fester. Das Boot dreht. Wenn sie den Kurs korrigiert haben lassen sie die Leine los. Das Boot dreht weiter. Also ziehen sie an der anderen Leine. Es tut sich nichts. Sie ziehen fester...

